Ein Interview von Metal Marcus vom 12.07.2025 (16421 mal gelesen)
Zur Veröffentlichung des siebten Albums von MOTORJESUS stand uns Sänger Chris Birx Rede und Antwort.
Hallo Chris und vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst.
Chris Birx: Ja klar, freue mich auf jeden Fall. Vielen Dank fürs Interview und die Einladung.
Ja, sehr gerne. Fangen wir mal ganz vorne an. Seit eurer letzten Platte, "Hellbreaker", sind jetzt ja vier Jahre vergangen. Das bedeutet, die Scheibe ist damals mitten in der Corona-Zeit rausgekommen, 2021. Wenn du jetzt auf diese Zeit zurückblickst, auf diese vier Jahre, wie hast du die Corona-Zeit als Musiker wahrgenommen? Weil man hört ja immer: "Oh, das ist eine ganz schlimme Zeit gewesen, von der sich die Szene auch bis heute nicht erholt hat!" Kannst du das unterstreichen oder würdest du es anders sehen?
Chris Birx: Ich muss ehrlich sagen, ich sehe das ein bisschen anders. Es war natürlich jetzt auch einfach Timing und zufallmäßig kam da viel für uns positiv zusammen. Aber ich fand das eher eine ganz gute Sache. Erst mal hatten wir durch die Corona-Geschichte einen Break, den wir sonst nicht gemacht hätten. Wir sind da auch immer so ein bisschen im Hamsterrad drin: Vielen Konzerte spielen, Alben produzieren. Du hast ja immer wieder einen neuen Termin auf der Agenda: Das nächste Konzert steht immer an, die nächste Probe steht an. Das ganze Corona-Ding hat dann natürlich eine Pause reingebracht, die uns eigentlich irgendwie gut getan hat. Wir haben direkt losgelegt, waren dann kreativ, haben ganz cool Songs geschrieben und die "Hellbreaker" dann auch in dieser ganzen Corona-Zeit 2020 ausproduziert. 2021 hat es sich dann auch schon wieder ein bisschen gelockert. Da konnte man die Platte zumindest promoten und auch vereinzelte Konzerte spielen. 2021 hatten wir so zwölf Konzerte und das war eigentlich gar nicht so verkehrt. Ich sag mal, die Leute saßen eh zu Hause, haben Platten gehört und hatten nicht so viel zu tun. Dementsprechend haben auch viele Leute der Platte viel Aufmerksamkeit geschenkt. Was jetzt mit der neuen Platte vielleicht schon nicht mehr so ist. Musik ist aktuell nicht so das Thema, sondern eher die politische Weltlage. Also ich fand diese ganze "Hellbreaker"-Phase eigentlich extrem cool. Hat mir echt Spaß gemacht, auch wenn wir die Umstände da eher zu unserem Vorteil genutzt haben. Die Platte hat ja auch gut verkauft. Ja, also irgendwie sehe ich das eher positiv. Natürlich sind uns ein paar Jahre sozusagen durch die Lappen gegangen. Da mussten wir dann 2023 und 2024 unheimlich viele Konzerte nachholen und haben da super viel live gespielt und waren natürlich auch wieder sehr im Hamsterrad drin. Wir haben das neue Album jetzt quasi während der Live-Phase geschrieben, was sehr, sehr anstrengend war. Das würde ich nicht noch mal so machen, um jetzt den Bogen mal zur neuen Platte zu schlagen. Das war schon wieder eine andere Zeit, als es momentan der Fall ist. Also ganz anderer Vibe und so. Aber ich fand es eigentlich echt positiv. Ich habe da auch nichts, also auch für mich persönlich, nichts Negatives dran gesehen. Klar, dieser Lockdown, das war doof: Man konnte sich nicht mit Leuten treffen und so. Aber insgesamt muss ich sagen, fand ich alles so echt in Ordnung für MOTORJESUS.
Das klingt doch schön. Und jetzt ist es ja endlich so weit. Also noch nicht ganz, wenn wir jetzt hier das Interview machen, ist der 22.04.2025, also ist gerade Ostern rum. Und am 13.06.2025 erscheint dann euer neues Album "Streets Of Fire". Das ist Freitag der 13. Meinst du, das ist eine gute Idee, am Freitag den 13. ein Album zu veröffentlichen?
Chris Birx: Oh, das hab ich gar nicht auf dem Schirm gehabt. Irgendwie was mit dem Freitag der 13. Ja, weiß ich nicht. Ich bin kein abergläubischer Mensch. Also an so was glaube ich überhaupt nicht. Ich glaube, das ist ein ganz normaler Tag wie jeder andere.
Aber war kein PR-Gag oder so von euch? Weil, es gab ja mal die Band TANZWUT, die wirklich ein Album am Freitag den 13. veröffentlicht hat, das auch "Freitag der 13" hieß. Also das ist jetzt wirklich Zufall? (Anmkerung: Der Release musste vom 13.06.2025 auf den 18.07.2025 verschoben werden, da es Probleme mit der Vinyl-Pressung des Albums gab, was zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht bekannt war.)
Chris Birx: Nein, das ist wirklich Zufall. Also da haben wir jetzt nicht irgendwas geplant. Auch dass die zweite Single "New Messiah Of Steel" an Ostern kam, war Zufall. Also wir haben eine Single rausgebracht und war jetzt auch genau Ostern. Da passt natürlich der ganze Jesus-Kram gut rein. Aber war jetzt auch nicht so wirklich geplant.
Okay, denn das wäre tatsächlich eine meiner weiteren Fragen gewesen, ob das ein grandioser PR-Gag war. Aber ich habe auch so gedacht, naja, das Datum vielleicht schon, aber man wird ja nicht irgendwann einen Song komponiert haben und sich gedacht haben: "New Messiah Of Steel" kommt als Single an Karfreitag raus. Also das war so auch Zufall?
Chris Birx: War totaler Zufall, ja, genau. Das hat einfach gepasst. In dem Video sind ja auch jede Menge Jesuse drin in Comic-Form und das passt natürlich auch cool zu Ostern, dieses ganze Jesus-Thema. Aber ja, wie gesagt, war jetzt alles eher Zufall. Auch dass das ganze Jesus-Ding da jetzt so inflationär in dem Video ist, war halt einfach so.
Ja, manchmal ist das Timing halt gut, so durch Zufall. Es vergehen jetzt noch ein paar Wochen, bis das Album erscheint. Was liegt jetzt noch an? Also ich gehe davon aus, Interviews und Promo machen, damit die Platte am Ende gut sichtbar ist für alle.
Chris Birx: Ja, klar, natürlich, ich habe promomäßig viele Termine. Ich habe zwischendurch noch mal eine Woche Urlaub gehabt, war jetzt mal eine Woche an der Ostsee. Jetzt geht es natürlich wieder los, ich bin gerade wieder zurück: Viele Promo-Termine, viele logistische Sachen, Cover-Artworks. Die nächste Single braucht jetzt wieder ein Cover-Artwork für die Streaming-Dienste, da muss ich ein Artwork basteln und so weiter und so weiter. Es steht halt immer irgendwas an. Unsere Plattenfirma wird da auch nicht müde, mich mit irgendwelchen Sachen zu versorgen, was ich noch erledigen muss. Manchmal habe ich morgens schon 30 E-Mails. Letztens hatte ich an einem Montagmorgen 50 Mails: Bookingagentur, Promoagentur, weil wir jetzt auch noch so eine neue Promoagentur haben, die hat nichts mit unserem Label zu tun, sondern die habe ich sozusagen angestellt. Und von da kamen dann zig Mails und dann hatte ich eines Montags hier 50 E-Mails, da habe ich gedacht, ich werde wahnsinnig. Ich dachte, ich drehe irgendwie durch, denn ich kam gar nicht mehr hinterher, die alle zu beantworten. Und deswegen war ich jetzt auch mal eine Woche raus.
Das hast du dir, glaube ich, auch verdient, denn du hast es vorhin schon gesagt, dass ihr den Songwriting-Prozess und auch die Aufnahme der neuen Platte quasi während der Live-Saison gemacht habt. Das heißt, früher habt ihr das aber anders gemacht, oder nicht?
Chris Birx: Ja genau, wir haben uns früher eher auch so Auszeiten genommen und auch mal ein paar Monate wirklich keine Konzerte gespielt, eher im Proberaum viel Zeit verbracht und an dem Album wirklich mit ein bisschen mehr Zeit rumgeschliffen. Aber heutzutage ist alles so schnelllebig und wie gesagt, du hast immer wieder ein cooles Konzert, wo du auch nicht nein sagen willst, das zu spielen. Wir sind halt auch eine Band, die schon auch mal eher ja sagt, als Sachen abzulehnen. Ja, und dann kam es eben so zusammen, dass diese ganzen Live-Termine alle auf der ganzen Album-Aufnahme drauflagen und dann musste man das irgendwie zeitgleich machen. Das war schon echt stressig: Unter der Woche bist du die ganze Zeit irgendwie am Produzieren. Ich gehe ja auch noch normal arbeiten, habe einen Job als Pfleger in einem Behindertenheim mit Schichtdienst und das ist dann auch nicht ohne. Wenn du dann noch Nachtschichten hast und gehst dann aus der Nachtschicht direkt wieder zum nächsten Konzert oder von der Nachtschicht dann direkt in die nächsten Studio-Session. Das war schon echt ein bisschen zu viel. Also das war für uns auch wirklich eine ziemliche Zerreißprobe so innerhalb der Band, weil einfach viel Druck da war: "Wir müssen das jetzt irgendwie fertig machen". Aber wenn du dann nicht kontinuierlich dran bleibst und dann weitermachst und weiterproduzierst oder jetzt einen Monat Pause machst, dann geht das Momentum dann auch wieder so ein bisschen verloren, weißt du? Oder der Release hätte sich jetzt noch mal wahrscheinlich um ein halbes oder dreiviertel Jahr verschoben oder so. Also ich war da dann auch natürlich hinterher zu sagen, komm, lass das Ding jetzt mal zu Ende machen. Wir sind jetzt hier schon auf der Zielgeraden. Da machen wir jetzt keine Pause, sondern machen das Ding zu Ende. Und ja, dementsprechend war natürlich schon viel Action bei uns, ein bisschen zu viel auch.
Aber ich würde deinen Worten entnehmen, dass ihr die Songs wirklich noch gemeinsam im Proberaum komponiert - oder macht ihr das wie manch andere Band so nach dem Motto: Der eine sagt "guck mal hier, ich habe einen Riff", und dann hörst du es dir an und denkst "ah, da könnte ich ja das drüber singen". Also es klingt ja schon danach, dass ihr noch wirklich gemeinsam an Songs arbeitet.
Chris Birx: Ja, schon teils, teils. Also wir haben da so verschiedene Konstellationen, kannst du so sagen. Es gibt so eine Konstellation zwischen dem Dominik, unserem Bassisten, dem Paddy, unserem Gitarristen und mir. Ich komme oft mit irgendwelchen Ideen, die ich meistens aber immer in der Nachwache oder zu völlig unchristlichen Zeiten habe, wo halt in dem Moment keiner Zeit hat. Habe ich dann eine Idee, flöte ich mir die schnell aufs Handy drauf und zeige die dann unserem Gitarristen oder unserem Bassisten und dann machen wir da zusammen was draus. Aber manchmal haben wir auch im Proberaum so kleine Jams. Dann setzen wir uns zusammen und spielen einfach so ein bisschen rum. Also es ist immer so ein bisschen unterschiedlich.
Okay. Die neue Scheibe, würde ich mal sagen, klingt eine ganze Ecke punkiger als eure ganz alten Werke. Würdest du dem zustimmen oder denkst du, was redet Marcus für einen Quatsch?
Chris Birx: Nö, da würde ich dir komplett zustimmen. Also die "Hellbreaker" hat sich ja auch schon ein bisschen in diese Richtung entwickelt, da gab es auch schon ein bisschen mehr punkige Einflüsse. Man muss sagen, zu der Zeit, wo die "Hellbreaker" rausgekommen ist, haben wir auch viel so IGNITE und BAD RELIGION und so was gehört. Ich bin schon immer ein großer BAD RELIGION-Fan gewesen und das ist sogar auch wirklich ein Einfluss bei MOTORJESUS, auch wenn das jetzt nicht immer so prominent zu hören war. Auch wenn man das nicht so vordergründig merkt, aber BAD RELIGION war schon immer echt eine große Band für mich und dann kamen halt so diese Punk-Einflüsse immer mehr rein und bei der "Hellbreaker" hatten wir da so einen Spaß dran, in den Kompositionen einfach mal ein bisschen auf die Tube zu drücken und mal so ein bisschen krawalliger, sag ich mal, unterwegs zu sein. Früher waren wir ja schon so ein bisschen hardrockmäßiger, eher so Boom-Chak-Mid-Tempo, und das hat total Bock gemacht und seitdem haben wir schon immer einfach auch Bock, immer mal eine punkige Nummer zu schreiben. Jetzt ist es bei der neuen Platte aber so, dass die punkigen Sachen einfach besser geworden sind als die Mid-Tempo-Sachen. Wir haben auch eine Menge Mid-Tempo-Sachen, aber die sind alle nicht so cool geworden. Da sind natürlich auch Mid-Tempo-Songs auf dem Album, aber halt nur die besten und die ganzen Mid-Tempo-Sachen, von denen ich gedacht habe, die werden geil, die sind dann doch nicht so geil geworden. Dafür sind dann die Punk-Sachen, die ich eher so nur so am Rande komponiert habe, doch irgendwie geil geworden. Deswegen ist die Platte auch so ein bisschen punkiger, weil die punkigen Sachen einfach ein bisschen besser rausgekommen sind in der Komposition.
Das Album hört auf den Namen "Streets Of Fire" und wird geziert von einem sehr hübschen Cover-Artwork, sehr comicmäßig. Ist das jetzt ein Konzeptalbum, also erzählt ihr eine Geschichte oder hörte sich "Streets Of Fire" einfach gut an?
Chris Birx: "Streets Of Fire" hörte sich jetzt erst mal irgendwie gut an, klang für mich auch so ein bisschen nach 80s und auch so Videogame-Referenzen. Es gibt ein Spiel von Sega namens "Streets Of Rage", ist ein Prügler mit so einer 80er-Ästhetik, auch so ein bisschen cyberpunky, so ist das Spiel. Das ist jetzt aber auch nicht der Haupteinfluss, sondern auch IRON MAIDEN mit "Somewhere In Time" oder auch so cyberpunkige Filme wie Blade Runner, Terminator oder auch Robocop, so dieses komplette 80s-Ding. Das wollten wir dann mal in irgendeiner Form auf ein Album packen. Alles, was so geil ist an so futuristischen 80er-Jahre-Filmen und Musik und Videospielen halt, alldas mal irgendwie zusammenschmeißen in einen Topf sozusagen. "Streets Of Fire" passte da gut zum Cover-Artwork und ja, es ist schon so ein leichtes Konzept da. Man sieht ja auch den Teufel von der "Hellbreaker" im Hintergrund. Also die Geschichte geht dann im Prinzip für uns so ein bisschen weiter. Wir haben da jetzt keine riesen Lore oder so dahinter, aber der Jesus vom "Hellbreaker"-Cover fährt halt vor dem Teufel durch die Hölle davon und landet dann durch einen Zeitsprung in der abgebildeten Stadt. Es ist die gleiche Stadt wie auf der "Electric Revelation" von 2014. Da ist ja eine Westernstadt. Im Prinzip soll das dieselbe Stadt sein, nur eben in der Zukunft. Jesus macht einen Zeitsprung und landet dann in der Zukunft. Aber das ist auch schon die ganze Story. Um diese Grundidee habe ich dann ein paar Texte geschrieben und so ein paar Ideen verwurstelt. Das ist ein loses Konzept, aber kein richtiges, durchgearbeitetes Konzeptalbum mit durchgängiger Story.
Das sind aber ja alles, würde ich jetzt mal denken, Texte, die in erster Linie irgendwie gute Laune machen sollen. Gibt es irgendwas, wo du sagst: "Darüber würde ich niemals im Leben einen Text schreiben!"?
Chris Birx: Ja, ich schreibe sehr selten irgendwas über Liebe. Du bist ja vielleicht auch irgendwie mit WHITESNAKE so ein bisschen im Thema und David Coverdale singt ja nur über Love, wirklich in jedem Song ist irgendwas mit Love. Ich bin da die komplette Antithese von. Ich habe so gar keinen Bock drauf, irgendwas über Love oder Gefühle zu texten. Also ich habe natürlich schon mal auch emotionale Themen in einem Text, aber die schreibe ich wirklich sehr kryptisch und sehr metaphorisch, dass das auch keiner kapiert, außer mir selber. Ich singe nicht gerne über so Liebesthemen. Das ist nicht meine Welt und ist für mich auch irgendwie nicht so Rock'n'Roll-mäßig. Aber wie gesagt, bei WHITESNAKE, ich liebe WHITESNAKE. Ich kann es nur selber nicht. Aber da gibt es ja total viel im Rock'n'Roll. Aber ich kann das irgendwie gar nicht. Das ist total seltsam.
Okay, also keine Liebeshymne von MOTORJESUS in den nächsten Jahren?
Chris Birx: Und auch keine Balladen mehr. Mit Balladen ist es vorbei!
Habt ihr denn so viele überhaupt gehabt? Also im Promoflyer für das neue Album steht es ja drin, aber mir fallen jetzt bewusst gar nicht so viele echte Balladen von euch ein.
Chris Birx: Ja, wir haben tatsächlich früher auf jedem Album immer mindestens einmal die Quotenballade gehabt. Also zumindest bis zu der "Electric Revelation" von 2014 und auch auf der "Race To Resurrection" (2018) gibt es noch eine Ballade. Das war immer so ein bisschen von unserem alten Gitarristen. Er meinte immer: "Wenn wir mal eine kommerzielle Ballade haben, dann haben wir vielleicht mal so Radioplay." Aber das ist halt nie passiert. Also wir haben nie übermäßig wegen einer Ballade mehr Aufmerksamkeit erfahren oder irgendwas Tolleres dadurch gewinnen können. Und dann habe ich bei der "Hellbreaker" gedacht: "Ich scheiße auf Balladen. Ich habe da keinen Bock drauf." Mir sind Balladen auch relativ egal. Klar, vielleicht machen wir irgendwann noch mal eine Ballade oder einfach so eine Power-Ballade. Das muss ja nicht immer ganz langsam sein oder so ganz emotional und weichgespült. Aber irgendwie habe ich da nicht mehr so Bock drauf. Ich finde, MOTORJESUS ist halt Rock'n'Roll.
Würde ich auch so sehen. Es spricht ja auch irgendwie dafür, dass ich mich an keine der Balladen erinnern kann, obwohl ich alle Alben kenne. Also Schande auf mein Haupt!
Chris Birx: Die Balladen sind auch nicht schlecht. Es sind gute Songs und so. Ich will das jetzt auch gar nicht schlecht reden oder da jetzt irgendwem die Schuld in die Schuhe schieben. Das war halt immer so ein bisschen auf unserer Agenda. Lass mal immer so eine Ballade machen. Aber irgendwie habe ich gemerkt, dass es uns nicht so viel gebracht hat. Ich habe immer das Gefühl, das hat jetzt nicht so den krassen Erfolg. Daher weiß ich nicht. Sag niemals nie, aber momentan steht jetzt die zweite Platte ohne Balladen und das wird, glaube ich, erst mal so weitergehen.
Wir waren eben ja schon kurz beim Thema Texte. Du hast gesagt, du würdest keine Liebestexte schreiben oder kannst es nicht. Wie stehst du zu politischen Themen? Meinst du, gerade in der aktuell sehr aufgeheizten Situation in Deutschland und allgemein in der Welt sollte eine Band oder ein Musiker im Allgemeinen sich zu so was positionieren? Oder ist deine Meinung jetzt eher: Lass das mal lieber sein, Musik oder auch Konzerte dienen der Unterhaltung und da sollte man den Kopf frei bekommen?
Chris Birx: Irgendwie so beides. Ich finde schon, dass es da eine gewisse Awareness für geben sollte, dass man sich das immer bewusst machen sollte. Aber Musik ist ein Stück weit auch Eskapismus. Du willst ja auch auf einem Konzert einfach mal abschalten können oder in einem Kinobesuch oder egal, was für ein kulturelles Ereignis. Da willst du dich ja nicht die ganze Zeit mit deinen Alltagssorgen auseinandersetzen. Von daher bin ich eher so ein bisschen auf der Seite, dass ich sagen würde, politische Themen müssen jetzt nicht so prominent in Musik. Wenn es jetzt RAGE AGAINST THE MACHINE ist, wo es ja das komplette Konzept der Band ist, auf irgendwelche Missstände hinzuweisen, ist es natürlich was anderes. Oder eben auch echte Punkmusik. Da gehört das auch dazu. Aber wir mit unserem Heavy Rock mit auch teilweise Fantasy-Themen, ich weiß nicht, da muss das nicht so unbedingt sein. Wobei ich wirklich sagen muss, dass ich ein paar Texte auf dem neuen Album habe, die spielen eigentlich in der Zukunft vom lyrischen Standpunkt aus, aber da sind total viele Elemente oder auch Themen, die sich ein bisschen bewahrheitet haben in diesem ganzen amerikanischen Ding mit Trump und Elon Musk und dieser ganzen AI-Geschichte. Ich habe echt gemerkt, dass ich im Prinzip unbeabsichtigt schon so ein paar Themen aufgegriffen habe, die teilweise sogar ein bisschen in der Realität fußen. Das fand ich dann im Nachhinein total seltsam, weil ich ja eigentlich über irgendwas Fiktives geschrieben habe, oder es zumindest glaubte. Da kannst du dann sicherlich für dich irgendwas rausziehen und denken: "Okay, er spricht jetzt da irgendwelche Fakten, aktuellen Themen in der Politik an oder so." Wobei das wirklich alles nur fiktional ist und alles zukunftsmäßig und so dystopisch eben auf dieses cyberpunkige Bezug nehmen soll. Da ist halt doch auch immer viel Wahrheit dazwischen. Weil viele Dinge langsam Realität werden, wie etwa diese ganze Diskussion um die künstliche Intelligenz. Terminator und Skynet verwendest du dann vielleicht irgendwie in einem Text aus Spaß, weil ich einfach Spaß an Terminator-Filmen habe, wird das aber trotzdem zum Teil Realität. Da kann man sich nicht mehr dem Ganzen entziehen. Ohne das jetzt zu wichtig zu nehmen. Das war halt einfach so ein Gimmick, wo ich gedacht habe: "Krass, das könntest du auch auf die jetzige Zeit beziehen." Da musst du die Texte vielleicht noch mal lesen oder so. Ist jetzt auch nicht so super wichtig für mich. Aber ich fand schon irgendwie krass, dass da so ein paar Sachen sind, das könnte heute auch funktionieren.
Also der erste Song, der mir dazu einfallen würde, wäre '2. Evil'. Das klingt schon sehr nach aktueller politischer Lage. Egal ob Deutschland oder Amerika, wie du ja eben angeführt hast.
Chris Birx: Die Kernaussage von '2. Evil' ist, dass das Böse zurückkommt. Das Böse findet seinen Weg zurück in die Welt und wird akzeptiert als Normalität. Genau das ist auch der Text, der mich daran erinnert hat. Ich habe wirklich gedacht: "Das ist krass, das kannst du echt auf die heutige politische Lage in den USA oder so beziehen." Ich empfinde das so, dass da einfach Leute an die Macht kommen, die nichts Gutes im Schilde führen. So ist das einfach, das sehe ich so. Es ist echt krass, wenn der Text so funktioniert, obwohl es eigentlich eine Cyberpunk-Geschichte ist. Vielleicht war es auch unterbewusst in meinem Hirn, weil natürlich macht man sich Sorgen und man guckt Nachrichten und man ist da ja nicht unberührt davon. Also ich kann das ja nicht abschirmen oder so. Auch wenn ich die Texte dann erst mal rein fiktional geschrieben habe. Aber vielleicht ist das einfach so unterbewusst im Hinterkopf einfach noch ein bisschen mitgeblieben beim Texten.
Ja, kann sehr gut sein. Kann ich mir auf jeden Fall gut vorstellen. Lass uns von Texten mal zu musikalischen Sachen kommen. Eine Sache hat mich relativ überrascht beim Album. Und zwar ist das der Titel 'Driving Force', wo ihr den Zuhörer ja mit einer, ja ist das eine echte Hammond-Orgel, aber auf jeden Fall mit sehr präsenten Keyboards begrüßt. Ich könnte mich jetzt nicht erinnern, dass ich das so präsent schon mal gehört habe. Also klar habt ihr öfter mal Keyboards, als Fläche würde ich behaupten, im Hintergrund. Aber wirklich so als quasi zusätzliches Leadinstrument kann ich mich jetzt nicht dran entsinnen. Wo kam denn die Idee her? Das steht ja schon im relativ krassen Widerspruch zu einem punkigen Flair, oder?
Chris Birx: Ja, wobei auf der anderen Seite war auf unserem Debütalbum "Dirty Pounding Gasoline" auch überall eine Hammond-Orgel dabei. Also das war sozusagen so ein bisschen meine Referenz an unsere alten Zeiten. Aber ja, bei dem Song 'Driving Force' ist es ein bisschen lauter und ein bisschen mehr vorne, mehr in die Fresse und dadurch fällt die Hammond-Orgel viel mehr auf als vielleicht bei den alten Tracks. Aber das war für mich so ein good old times, alte Shitheads. Das ist mir immer irgendwie wichtig, dass die Band noch mal in irgendeiner Form einen Bezug nimmt auf ihre eigene Vergangenheit, aber ohne sich selbst zu kopieren oder so. Sondern: Ein neuer Song, aber in dem Style, den wir so ganz am Anfang gemacht haben. Das war so meine Idee hinter 'Driving Force'. Ich liebe den Song auch total und es ist einer meiner Lieblingssongs vom Album. Das Lustige ist, dass fast ein Großteil der Band dafür war, den Song zu kicken, weil alle fanden, dass das der schlechteste Song vom Album ist. Das fand ich halt überhaupt nicht und bin da komplett dagegen gegangen. Ich weiß nicht. Ich habe für den Song total was übrig, aber du musst halt schon auch ein bisschen ein Fan sein von so einem ghostigen Zeug oder Stoner-Rock. Ich weiß nicht, ein bisschen 70s-lastig ist der ja auch. Der hat so ein bisschen so einen DIO-Flair. Aber das nimmt, wie gesagt, viel Bezug auf die ganz alte Band-Zeit. Und die anderen Sachen sind halt eben diese punkigen Sachen. Das sind die neuen MOTORJESUS. So sehe ich das. Das ist so die neue Welle, die wir jetzt so fahren. Das Ding, was wir heute machen.
Seit "Race To Resurrection" verfolgt ihr ja covermäßig diesen Comic-Stil. Wie wichtig findest du es als Musiker und auch als Musik-Fan, dass Musik auf eine ganz bestimmte Art und Weise verpackt ist? Also so eine MOTORJESUS-Platte guckt man sich ja an und wenn man irgendwas von der Band schon mal gesehen hat, erkennt man das ganz einfach. Es ist sehr einzigartig, dieser comicartige Stil. Wie wichtig, glaubst du, ist das in der heutigen Zeit, dass man irgendwas hat, was Wiedererkennungswert hat?
Chris Birx: Ich glaube, das ist total wichtig. Weil, guck mal, du bist ja selber auch ein sehr musikaffiner Mensch. Und hast, wie ich schon sehe, zig Platten in deinem Schrank, CDs und so. Da isst natürlich das Auge immer mit. Also mich haben immer schon so Cover wie "Somewhere In Time" von IRON MAIDEN total angesprochen, so wimmelbildartige Bilder. Und dann gab es zum Beispiel damals von ICED EARTH die Dark-Saga-Scheibe von 95 oder so. Spawn ist da drauf. Das war das erste Metal-Album, was ich kenne, wo ein Comic-Artwork vorne drauf ist. Also das war die erste Metal-Schallplatte oder CD, die ich in den Finger gekriegt habe, wo halt mal so ein Comic-Cover vorne drauf war. Und das war so ein Ding, wo ich gedacht habe: "Das ist so speziell und so anders!" Jeder von uns ist irgendwie Comic-Kiddie gewesen und hat mal ein paar Comics gelesen und deswegen kam ich da auf diesen Comic-Stil. Und Sebastian Jerke, der unsere Cover-Artworks macht, ist eigentlich gar nicht so bekannt für diesen Comic-Stil. Wenn du dir mal "Final Days" von ORDEN OGAN anguckst, dann ist das ein ganz anderer Stil, den Sebastian da malt. Aber ich habe halt gesagt: "Mach mal bitte irgendwas Marvel-Mäßiges, das so aussieht wie ein Comic." Irgendwie hat das funktioniert und seit der "Race To Resurrection" hat er jedes von unseren Covers gemacht. Wie du schon sagst, es sticht raus, ist irgendwie anders. Das ist nichts, was jede Band macht. Das finde ich auch wieder irgendwie gut, dass wir da so ein bisschen unseren eigenen Stiefel gefunden haben. VOODOO KISS, die eine Band von Achim Ostertag (Chef vom Summer Breeze), hat sich sogar extra von Sebastian Jerke auch so ein Cover-Artwork machen lassen in dem Comic-Stil. Die haben einen Voodoo-Priester als Comic-Figur, aber es ist genau derselbe Stil und halt auch von Sebastian. Achim hat selber erzählt, dass er sich das so ein bisschen bei MOTORJESUS abgeguckt hat. Ist doch cool. Man wird ja immer inspiriert von irgendwelchen Sachen. Wie gesagt, ich bin auch inspiriert von "Somewhere In Time". Das ist doch okay so.
Ja, klar. Ist ja auch ein super Album. Neben dem Comic-Stil habt ihr noch ein weiteres Markenzeichen: Spätestens seit "Wheels Of Purgatory" ist das der Pontiac. Der ist auf jedem Cover irgendwo drauf und der hat ja auch ein ganz bestimmtes Kennzeichen. Ich würde mal denken, MG ist für deine Heimatstadt, Mönchengladbach. Und dann steht da noch SZ 1 drauf. Ist das ein Bezug auf euren ursprünglichen Bandnamen? SHITHEADZ? Oder was bedeutet SZ?
Chris Birx: Ja, genau, also du bist da prinzipiell schon mal richtig. Das hat aber zwei Bedeutungen. SZ bezieht sich auf die SHITHEADZ, also auf die Ursprungsform von MOTORJESUS. Das Debütalbum ist ja als SHITHEADZ rausgekommen und danach haben wir uns in MOTORJESUS umbenannt, für die, die das jetzt nicht wissen. Aber wenn du das zusammen liest, also das MG-SZ und du nimmst das G zu dem SZ dazu, dann kommt da gesprochen "Jesus" raus. Das hat quasi zwei Bedeutungen, kommt aber nicht von uns, muss ich auch ehrlich sagen, also den Credit kann ich mir nicht geben, sondern das kommt von Björn Gooßes, der die alten Cover-Artworks gemacht hat, gerade die "Wheels Of Purgatory". Da ist dieses Nummernschild zum ersten Mal aufgetaucht. Das war von ihm halt einfach so ein Ding, so doppeldeutig. Seitdem zieht es sich immer weiter durch und ist sicherlich auch so ein Teil von der Lore von MOTORJESUS und ja auch immer ganz lustig.
Ja, auf jeden Fall. Glaubst du, wenn ihr heutzutage mit THE SHITHEADZ um die Ecke kommen würdet, gäbe es noch so Probleme wie damals? Denn ich kann mich erinnern, in manchen Ländern wollte die Plattenfirma oder das Land die Platte unter diesem Namen nicht veröffentlichen. Wobei ich mir bei einer Sache gar nicht sicher bin: Ging es jetzt um das Wort Shit wegen Scheiße oder ging es wirklich um die Bedeutung von Shithead? Also Shithead ist ja Slang für Kiffer.
Chris Birx: Genau, ja. Das kann ich auch nicht genau beantworten. Also es war ja in Amiland damals so ein Problem, dass die keine expliziten Sachen vorne auf dem Cover-Artwork drucken konnten. Also ich denke, es hat sich wahrscheinlich auf das Wort Shit bezogen, vielleicht aber auch den ganzen Namen. Das kann ich dir nicht genau beantworten. Auf jeden Fall haben die damals gesagt, können wir nicht machen, müssen wir einstampfen, müssen wir mit einem anderen Logo vorne noch mal neu drucken und so. Da hat die Plattenfirma dann gesagt: "Leute, lasst uns mal über einen anderen Namen nachdenken. Das mit dem SHITHEADZ, das ist vielleicht schwierig." Witzigerweise ist es heutzutage wahrscheinlich wieder ein bisschen schwieriger, nicht irgendwo religiös anzuecken mit dem Jesus-Ding. Da muss ich auch ehrlich sagen, habe ich schon öfter mal darüber nachgedacht, irgendwie das Jesus zu verfremden oder so und da diesen religiösen Bezug rauszunehmen. Denn wir haben jetzt auch schon teilweise in manchen Ländern mitgekriegt, dass bei YouTube unsere Videos nicht angezeigt werden - wahrscheinlich, weil es irgendwie nicht deren Religion entspricht. Aber bis jetzt, muss ich sagen, haben wir noch sehr wenig Probleme wegen religiöser Inhalte oder Rückfragen oder blöde Kommentare oder so. Das ist jetzt auch alles relativ im Rahmen. Aber wie gesagt, wir leben halt in einer Zeit, da mache ich mir schon wieder ein bisschen mehr Sorgen um so Sachen.
Kann ich vollkommen verstehen, gerade weil - was wir ja vorhin schon gesagt haben - Karfreitag die Single erschienen ist. Ich hätte auch schwören können, dass da irgendjemand ein Shitstorm draus macht, nach dem Motto: "So was darf man nicht!" Was darf man heutzutage noch machen, ohne dass sich irgendjemand auf den Schlips getreten fühlt? Das ist ja schon stellenweise mit dem Internet sehr gefährlich.
Chris Birx: Ich glaube, die Katholiken sind da komischerweise noch relativ cool mit. Ich glaube, die sind noch relativ locker. Wir haben noch wenig böse Worte gekriegt oder Rückfragen. Auch so aus der Black Metal-Szene noch nie ein böses Wort. Die meisten sagen noch eher, sind ja coole Rock'n'Roller, dann haben die halt ihr Jesus-Thema. Keine Ahnung. Ich muss sagen, bis jetzt kommt man da komischerweise mit durch.
20 Jahre mittlerweile kommt ihr da mit durch. Ist doch eine schöne Sache. Ja, wir sind jetzt kurz vorm Ende. Das letzte Wort gehört dir. Was möchtest du den Lesern für Bleeding4Metal noch so mitgeben? Außer natürlich: Kauft die neue Platte, die es in diversen Ausführungen gibt. Was möchtest du der Welt unbedingt noch sagen?
Chris Birx: Ich bedanke mich auf jeden Fall erst mal sehr fürs Interview. Vielen, vielen Dank, dass ihr da auf jeden Fall ein bisschen MOTORJESUS supportet bei Bleeding4Metal. Supergeil, auf jeden Fall. Und ansonsten, ja klar, es würde mich natürlich mega freuen, wenn die Leute das Album in irgendeiner Form für sich kaufen, denn heutzutage ist halt nun mal alles Spotify und digital. Und das ist halt für uns schon echt eine super Sache, wenn die Leute sich wirklich eine LP oder eine CD zulegen oder auch einfach mal zu Konzerten kommen. Wenn ihr Bock habt, einfach mal vorbeikommen und da ein Bierchen mit uns trinken oder ein Shirt kaufen oder uns in irgendeiner Form supporten. Support ist heute mega wichtig. Von daher, ja, würde uns auf jeden Fall freuen, wenn ihr mal vorbeischaut.
Stichwort Tour. Wann kann man euch mit wem sehen?
Chris Birx: Oh Gott, wir sind sehr lange auf Tour. So ab Anfang September sind wir mit der Band LOST SANCTUARY unterwegs. Die machen auch ganz coolen Heavy Metal, Thrash Metal. Mit denen sind wir von Anfang September bis Anfang Dezember unterwegs, alles eher so Wochenendtermine. Aber da sind wir halt auch wirklich mal in Hamburg und in diversen Städten. Da freuen wir uns auf jeden Fall auch sehr drauf. Das wird, glaube ich, eine ganz coole Nummer mit den Jungs.
Gehe ich von aus. Die haben auf jeden Fall ein super Album veröffentlicht. Dann bedanke ich mich bei dir für deine Zeit. Ich hoffe, euer Album wird den Erfolg vom letzten Mal toppen. Schauen wir mal, ob es klappt.
Chris Birx: Ja, wir werden sehen. Ich bin selber auch echt gespannt.
Ciao Chris. Wir hören uns bei anderer Gelegenheit.