Interview mit Winterherz von Waldgeflüster

Ein Interview von ReviewRalle vom 10.11.2025 (550 mal gelesen)
Winterherz, Mastermind hinter der deutschen Black Metal-Band WALDGEFLÜSTER, nahm sich die Zeit uns ein paar Fragen rund um die Geschichte der Band und das neue Doppelalbum "Knochengesänge" zu beantworten. Viel Spaß beim Lesen.

Hallo Winterherz! Es ist mir eine große Freude, mit dir ein Interview führen zu dürfen und auch das neue Doppelalbum für Bleeding4Metal zu rezensieren. Seit meine Frau mich 2017 mit einer CD des Albums "Ruinen" überraschte, bin ich großer Fan und freue mich auf jeden neuen Release. Auch das neue Doppelalbum ist wieder fantastisch geworden. Gratulation dazu!

Winterherz: Vielen Dank. Freut uns sehr, dass das Album bei dir Anklang finden konnte!

WALDGEFLÜSTER ist vor knapp 20 Jahren ja ursprünglich als Soloprojekt gestartet, seit über einem Jahrzehnt agiert ihr aber als vollwertige Band. Wie kam es dazu und war es von Anfang an das Ziel, irgendwann als vollständige Band zu agieren?

Winterherz: Nein, es war nie das Ziel, WALDGEFLÜSTER zu einer Band zu machen. Das Ziel war eher solo zu bleiben, um volle kreative Freiheit zu haben. Aber nach mehreren Jahren mit der damaligen Besetzung auf den Bühnen Deutschlands war einfach klar, dass die Jungs einen so integralen Anteil an WALDGEFLÜSTER haben, dass ich das Ganze endlich zu einer richtigen Band umtaufen musste.

Wie hat sich diese Änderung auf das Songwriting ausgewirkt?

Winterherz: Jedes Bandmitglied bringt sich auf die eine oder andere Weise in die Songs ein. Mal mit Riffs, mal mit Input zu Songstrukturen oder mit Schlagzeugpattern. Manchmal treffen wir uns, um an Songs zu arbeiten, manchmal machen wir aber auch jeder für sich etwas. Ich bin froh um den kreativen Input der anderen Bandmitglieder. Sie geben WALDGEFLÜSTER einfach noch mal eine andere Dimension. Beide Gitarristen kommen mit Riffs, auf die ich nie kommen würde, oder Thomas kommt mit Schlagzeugpattern, die wieder etwas Frische reinbringen.

"Knochengesänge" hat euch jetzt knapp vier Jahre beschäftigt. Du sagtest, dass du selbst nicht sicher bist, ob du das Album in seiner Gänze verstehst. Hat sich das zwischenzeitlich geändert, oder verarbeitest du die Songs noch immer?

Winterherz: Ich glaube, inzwischen habe ich einiges verarbeitet. Die Songs sind Ausdruck der mir damals neuen Angst vor dem Tod. Ich möchte nicht sagen, dass ich diese inzwischen überwunden hätte. Aber das Schreiben dieser Songs hat mir etwas mehr Akzeptanz gegeben.

Was machte das Songwriting bei diesem Album so schwer, beziehungsweise was waren die größten Herausforderungen?

Winterherz: Eben dieses Auseinandersetzen mit unserer Sterblichkeit, sich den eigenen Ängsten zu stellen und tief reinzugehen, was mich erzittern lässt. Gerade der Song über Tommy war nicht leicht zu schreiben.

Gab es von Anfang an die Idee, ein Doppelalbum zu machen?

Winterherz: Nein, die Idee entstand mit der Zeit. Ich wollte schon immer mal ein Nicht-Black Metal-Album machen, aber dass wir das jetzt als Doppelalbum in der Form machen, kam mit der Zeit.

"Knochengesänge II" ist ein deutlich ruhigeres Album und interpretiert in weiten Teilen "Knochengesänge I" anders. Die Songs zu dekonstruieren, um sie dann anders aufzubauen, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Wie seid ihr das angegangen und kann man zukünftig wieder mit so etwas rechnen?

Winterherz: Ich finde dieses Dekonstruieren von Songs und die dann aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten schon immer sehr spannend. Größtenteils war das aber gar nicht so schwer, wie man meinen möchte. In vielen Riffs, die wir machen, höre ich oft eine zweite Ebene und stelle sie mir in einem anderen Kontext vor. Und genau so war das bei Part II. Als ich zum Beispiel die Streicher-Aufnahmen von Charlie für 'Lethe' bekommen habe, war sofort klar, dass da eine Ambient-Version kommen muss. Einzig und allein 'Hypnos' hat sich mir etwas verwehrt. Da haben wir einige Anläufe gebraucht, bis daraus 'Crusade In The Dark' herausgekommen ist. Ich denke, einzelne Neuinterpretationen von Songs werden wir auch in Zukunft machen, ein ganzes Album in der Form kann ich mir aktuell aber nicht noch einmal vorstellen.

Die Themen sind wie immer bei euch tiefgründiger Natur, auch nach knapp 20 Jahren hat sich daran nichts geändert. Woher beziehst du die Inspirationen beim Songwriting? Gibt es da immer schon einen Grundgedanken, wohin die Reise mit dem nächsten Album oder Song gehen soll, oder überkommt es dich einfach und du legst spontan drauflos?

Winterherz: In der Vergangenheit habe ich eher spontan drauflos gelegt. Aber spätestens seit "Dahoam" versuche ich vorher, erst eine Vision für das Album zu erstellen. Die Inspiration kommt durch meine eigenen Dämonen, denen ich mich stellen muss.

Mittlerweile hat WALDGEFLÜSTER eine doch recht umfangreiche Diskografie. Gibt es rückwirkend betrachtet Alben, die sich besonders anfühlen, vielleicht sogar einen Favoriten, oder schätzt ihr alle Werke gleichermaßen als Produkt ihrer Zeit?

Winterherz: Jedes Album ist eine Art Zeitzeuge und ich verbinde mit jedem von ihnen eine ganz besondere Erinnerung. Es ist schwer, hier eines herauszupicken, das sich besonderer als ein anderes anfühlt.

Als gebürtiger Bamberger freut es mich sehr, dass sich jemand Bamberg als Thema für ein Black Metal-Album angenommen hat, die Stadt bietet mit ihrer Geschichte mehr als genug Material dafür. Worum genau geht es bei diesem Lied?

Winterherz: Tommy, einer meiner engsten Freunde, ist 2022 an Krebs verstorben. Tommy und ich haben uns nicht häufig gesehen, aber wenn, dann war es immer etwas ganz Besonderes. Einmal im Jahr haben wir uns in Bamberg getroffen. Die erste Strophe erzählt von unserer letzten Nacht voller Lachen und Freundschaft in den guten Zeiten, die zweite Strophe über das letzte Mal, als wir uns in Frankfurt, zwei Wochen vor seinem Tod, gesehen haben.

Ihr habt schon viele Auftritte hinter euch. Gibt es dennoch Festivals oder bestimmte Konzerthallen, die ihr gerne noch bespielen möchtet im Laufe eurer Karriere?

Winterherz: Ach, da gibt es noch viel! Gerade das Partysan würde mich ja mal reizen.

Gibt es einen Live-Auftritt, der dir bis heute als ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Winterherz: Das erste Mal Summer Breeze war wirklich aufregend, oder zum Beispiel das Fortress Festival, welches alleine aufgrund der Location sehr speziell ist.

Eine Frage, die ich allen meinen Interviewpartnern stelle, möchte ich auch dir nicht vorenthalten: Welche Bands oder Musiker, gerne auch außerhalb des Metal-Kosmos, verdienen deiner Meinung nach mehr Anerkennung?

Winterherz: Auch hier gibt es so viel ... Ich bin jetzt einfach mal in meine Sammlung gegangen und habe unter A das erste Projekt genommen, welches meiner Meinung vermutlich nicht so bekannt ist, wie es sein sollte: ALL DIESE GEWALT. Das Album "Alles Ist Nur Übergang" trifft mich ganz tief drin, aber ich habe den Eindruck, das kennt kaum jemand.

Vielen Dank für deine Zeit, die letzten Worte gehören dir.

Winterherz: Vielen Dank für deinen Support!

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