Livebericht Voivod (mit The Djingerbread Experience )

Ein Livebericht von Rockmaster aus München (Backstage) - 02.07.2025 (1301 mal gelesen)
Seit 2013 beweisen VOIVOD mit "Target Earth", "The Wake" und "Synchro Anarchy", dass kreativ noch lange nicht die Luft raus ist. Die nächste Veröffentlichung war dann allerdings mit "Morgöth Tales" eine ausgemachte Huldigung der Piggy-Ära von den Anfangstagen der Band bis zu Piggys Tod 2005. Auch heute treten sie an, um das Publikum vor allem mit älteren Titeln zu beglücken. Zuerst darf aber natürlich der Support die Bühne für sich beanspruchen.

THE DJINGERBREAD EXPERIENCE



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... lassen sich nicht lange bitten und starten visuell vielleicht noch etwas statisch, dafür musikalisch um so energetischer durch. Gegründet 2018, als die Mitglieder alle studierten, haben die Erdinger Jungs noch keine so beeindruckende Bühnenpräsenz. Als Band präsentieren sie sich aber von Anfang an tight und routiniert. Musikalisch beheimatet sind sie im Djent und in der, sagen wir mal, moderneren Version des Progressive Metal, wobei sich die Band nach eigenem Bekunden keine kreativen Grenzen setzen möchte. Der Stil unterscheidet sich schon markant von dem VOIVODs, und dementsprechend ist die mittelgroße Backstage-Halle bislang nur mäßig gefüllt. Beim Opener 'Pridinger' wirkt die noch handverlesene Crowd etwas distanziert, aber mit der zweiten Nummer 'Hollow' haben sie dann auch die weniger frenetischen Zuschauer und -hörer in der Tasche. Es gibt anerkennenden Applaus, und der Sänger der Combo, imgright der die wahrhaftige Rampensau gibt, tut sein Übriges, um alle Anwesenden in die Show einzubeziehen. Es darf mitgesungen werden (Zitat: "Könnt ihr rhythmisch schreien? Schreit jetzt ja nicht 'rhythmisch'!"), geklatscht und Fäuste gereckt werden. Und wenn auch stilistisch die Überschneidungen zur kanadischen Legende und heutigem Hauptact überschaubar sind, schafft der Sänger die ultimative Verbindung zwischen Band und Publikum: "Wir alle (Anmerkung: inklusive THE DJINGERBREAD EXPERIENCE) sind heute Abend nur aus einem Grund da, nämlich um VOIVOD live zu hören." Den Jungs gelingt eine gewisse Balance aus melodischen Gitarrenpassagen und dem djenttypischen, staccatoartigen Riffgeballer, der Gesang ist vornehmlich von aggressivem Shouting dominiert. Vor der letzten Nummer des Auftritts ('Pleasant Peace') werden mit dem DEICHKIND-Cover 'LIMIT' sogar die selbst-nicht-gesetzten Genregrenzen gesprengt. "Die Nummer passt hier gar nicht rein", wird angesagt, und irgendwie stimmt das. Dennoch nutzen THE DJINGERBREAD EXPERIENCE ihre gut vierzig Minuten, um ihr Können zu zeigen, bevor sie die Bühne räumen für die heiß ersehnten ...

VOIVOD



Während die Fans bereits "VOIVOD, VOIVOD" skandieren, startet das Intro von 'Experiment', und die Band trudelt so nach und nach ein. Bereits während der ersten Takte herrscht grandiose Stimmung in der inzwischen besser gefüllten Halle. Pünktlich zu seinem Einsatz erscheint auch Snake auf der Bühne und nimmt sie mit seiner Präsenz ein. Mit seinem berühmt-berüchtigten Bühnenschauspiel zwischen Method-Acting und Jackie Chans "Drunken Master"
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stiehlt er zunächst mal dem Rest der Band die Show. Es folgt das übergroße 'Holographic Thinking' von "Synchro Anarchy", aber mit der nächsten Nummer 'Tribal Conviction' lässt die Band keine Zweifel daran, dass heute die Frühphase der Band im Fokus steht. Ein paar Schritte weiter links bemerkt Chewy meine Kamera und nutzt die Gelegenheit, gleich mal (siehe Foto links) eine Pommes rot-weiß zu bestellen. imgleft 'Ripping Headaches' widmet Snake den deutschen Thrash Metal-Heroen KREATOR, die just am heutigen Tage ihren Film "Hate & Hope" veröffentlichen, und die mit VOIVOD nicht nur die etwa vierzig Jahre Bandbestehen gemeinsam haben, sondern in den Anfangstagen auch oft die Bühne teilten. Musikalisch sind die Kanadier von Beginn der Show an da - sie intonieren ihre anspruchsvollen und komplexen (und oft entsprechend wenig eingängigen) Kompositionen auf den Punkt. Neben Snakes wildem Gestikulieren und seinen Grimassen muss man beim Rest der Band schon ein zweites Mal hinschauen, um zum Beispiel die unfassbare Spiellaune wahrzunehmen, die Chewy ausstrahlt. Rockys Auftritt wirkt heute etwas introvertierter, als ich das von ihm in Erinnerung habe - wobei ihm ehrlicherweise 2023 die Bühne des Backstage Werk mehr Platz gegeben hatte für die typischen Blacky-Posen, die er, wie er damals sagte, unbewusst übernommen hatte. Zu Beginn des Auftritts wirkt er eher auf sein (geiles!) Bassspiel konzentriert, bevor er lockerer wird und mit Chewy interagiert und scherzt. Away verbindet wie gewohnt sein Schlagzeugspiel mit intensiver Mimik, als würde jeder einzelne Schlag ein eigenes Gefühl auslösen. Faszinierend ist, wie er aus seinem ziemlich kleinen Drumkit den wahnsinnigen, oft scharf wechselnden Rhythmus rausholt, während er augenscheinlich gerade in ganz anderen geistigen Sphären schwebt. Selbst als die Floor Tom seines fünfteiligen Drumkits ihm abspenstig wird und umkippt, lässt er sich nicht lumpen und spielt einfach auf einem Tomtom, Snare und Becken weiter, als wäre nichts gewesen (bis die Roadies alles recht flink wieder gerichtet haben).
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Natürlich wird auch Werbung in eigener Sache gemacht - die Ankündigung von 'Nuclear War' wird mit der Ankündigung eines eigenen VOIVOD-Konsolenspiels garniert, das aber noch in der Mache ist. Snake wünscht sich an anderer Stelle, dass das Publikum die Münchner Philharmoniker (oder ein anderes symphonisches Orchester der Stadt) bearbeitet, damit ein Konzert der Band mit Orchester (wie in der Vergangenheit in Montreal und Quebec) auch hier möglich wäre. Das Publikum kriegt derweil die Packung, die es sich erhofft hat. Crowdsurfer erklimmen die Bühne, um sich kurz danach auf Händen tragen zu lassen. Die Fäuste fliegen hoch (aber anders, als das Foto wirkt, ohne Vollkontakt), und 'Iconspiracy' wird mit erneuten "VOIVOD, VOIVOD"-Rufen abgefeiert. Danach - nach einer Stunde Auftritt viel zu früh - wird die letzte Nummer angekündigt. So ganz Schluss ist dann allerdings mit 'Condemned To The Gallows' noch nicht, denn die Band lässt sich schon nach mäßig langem, aber lautem Applaus zur Zugabe bitten. Es gibt die Syd Barrett-Komposition 'Astronomy Domine', die VOIVOD 1989 für "Nothingface" eingespielt hatten, und die im Original auf PINK FLOYDs Debüt "The Piper At The Gates Of Dawn" 1967 erschienen war. Ein letzter, aber harter stilistischer Cut, und 'Voivod', der Opener von "War And Pain", ist dann wirklich die letzte Nummer des Abends. Eine Stunde und zwanzig Minuten ist leider nicht sehr viel Musik, aber geil war's trotzdem.

Wer einen VOIVOD-Gig verlässt, nur weil die Musik aus ist, muss damit rechnen, einen großen Fehler zu begehen. Nicht dass man am Merch-Stand noch schnell ein wenig Beute schießen kann, auch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man seine Beute von Away, Snake, Chewy und Rocky eigenhändig signieren lassen kann. Und das finde ich für eine Band, die seit über vierzig Jahren mit Leidenschaft im Geschäft ist, absolut großartig. Der Preis: Wieder ein T-Shirt, das man nicht in die Wäsche stecken kann, wenn man vermeiden will, dass der Edding verblasst.


Mehr Fotos gibt es in der Galerie: VOIVOD, THE DJINGERBREAD EXPERIENCE



Setlists


THE DJINGERBREAD EXPERIENCE


Pridinger
Hollow

Shifting
Not My God
My Two Cents
Maritime
LIMIT
Pleasant Peace

VOIVOD


Experiment
Holographic Thinking
Tribal Convictions
Ripping Headaches
The Unknown Knows
Cosmic Drama
Forgotten In Space
Nuclear War
Fall
Iconspiracy
Condemned To The Gallows
Astronomy Domine (Zugabe)
Voivod (Zugabe)
Location Details
Backstage in München (Deutschland)
Website:https://www.backstage.info/
Adresse:Reitknechtstr. 6 (ehemals Wilhelm-Hale-Str. 38)
80639 München
Anfahrt:Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
1. Das neue Backstage findet Ihr direkt an der Friedenheimer Brücke (Reitknechtstraße 6, ehemals Wilhelm-Hale-Straße 38), nähe Hirschgarten.
2. Trambahnen 16/17 beziehungsweise Nachtlinie N17 bis Steubenplatz
3. Trambahnen 18/19 beziehungsweise Nachtlinie N19 bis zur Elsenheimer Straße
4. Bus 183 (U1/7 Rotkreuzplatz - Steubenplatz)

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